Das Niemandsland
    
mit freundlicher Genehmigung von Janine Söndgen

Das Niemandsland beginnt dort, wo alle Katzen(zucht)geschichten enden. Dort, wo 
immer steht: „und jetzt lebt mein kleiner Bub bei“ oder „jetzt lernt sie dänisch“ oder,
oder, oder. Verstehen Sie was ich meine? 

Bei allen Storys aus unserem oft so sehr bewegten Züchterleben mit unseren Katzen
wird über Deckung, Geburt, Aufzucht usw. gesprochen, manchmal – sehr viel seltener 
als vermutlich im wahren Leben – auch über Krankheit und Tod. Aber eine wichtige 
Position in diesem Zusammenhang ist – zumindest für mich - das Kennen lernen der 
Menschen, die meine Kleinen zu sich holen wollen. Sehr viel Zeit investiere ich auch in 
diesen Abschnitt; mit allen wird häufig und ausgiebig telefoniert und fast alle (wenn
nicht aufgrund der Entfernung unzumutbar) kommen mehrfach die Kleinen besuchen.

Und dann kommt da noch der für mich jedenfalls schwierigste Teil: Das Abschiednehmen
 – eben das Niemandsland. Offenbar will nie­mand darüber schreiben...


Im vergangenen Jahr haben insgesamt sieben kleine Abessinier, sechs Buben und ein 
Mädi, das Haus „von Abimarin“ bevölkert. Erst vier dann nach weiteren vier Wochen 
noch drei Minipumas und dann war irgendwann jede Menge pulsierendes Leben da. 
Wer Abys kennt, weiß was ich meine.

Das ist die fernsehlose Zeit, denn die Kleinen zu beobachten, mit ihnen zu spielen und zu
schmusen ist schöner als alles andere. Man kann süchtig danach werden!

Manchmal vergehen Tage und die Babys scheinen sich gar nicht zu verändern, an anderen
Tagen genau das Gegenteil: Plötzlich er­scheinen die Hinterpfoten zu lang für den Körper,
die Ohren viel zu groß. Dann sind Bäu­che dick und rund von Mamas Milch und auf einmal
erscheinen sie viel zu dünn, weil sie gerade mal wieder in der Länge gewachsen sind.
„Unmöglich“ denkt man dann von ihrem Aussehen und ein, zwei Tage später „vielver-
sprechend“. Jede kleine Veränderung sorgfältig wird registriert.

Lange wird über Namen nachgedacht, es wer­den Bücher gewälzt, im Internet gesurft
und dann überlegt, passt er auch zum Kitten? Mein kleines Mädchen zum Beispiel. Ihr
haben wir den Namen „Donna“ gegeben - sie benimmt sich nämlich gerne wie eine kleine
Prima-Donna. Jetzt, bei ihren neuen Menschen, heißt sie Djumana – zugegeben auch ein
schöner Name. Für mich wird sie aber immer meine kleine Donna bleiben...

Eine befreundete Züchtern verriet mir dann, dass sie ihre Kleinen nicht mehr mit Namen
anspricht, dann ist die Bindung nicht so groß und der Abschied fällt vielleicht nicht ganz
so schwer. Aber will ich das überhaupt? 

Mit jeder Phase des Grösserwerdens verändert sich auch die Geschicklichkeit der Kleinen.
Anfangs noch auf unbeholfenen dünnen Beinchen, die einen um so dickeren Bauch tragen
müssen, wackeln sie durch die Welt. Wie im Zeitraffer lernen sie Tag für Tag immer ein 
bisschen dazu und dann kommt der Tag, an dem man feststellt, dass aus dem Babys rich-
tige kleine Katzen geworden sind. Nun sind ihre Bewegungen – zumindest vorwiegend - 
elegant und die rassetypischen Schönheitsmerkmale werden immer deutlicher.

Aber mit der Größe und der Schönheit kommt auch die Kraft in die kleinen Glieder und die
muss nun ständig gemessen werden. Nun geht es buchstäblich über Tische und Bänke. 
Letztens hatte ich mal wieder frische Blumen geschenkt bekommen – hätte mein Liebster
das nur sein gelassen! Wasser sucht sich bekanntlich nach dem Umwerfen der Vase infolge
von intensivem Schnuppern und Probieren seinen Weg – quer durchs ganze Wohnzimmer,
das ich dann trockenlegen durfte.

Offenbar befindet sich diesmal eine Horde kleiner Tarzans in meiner Obhut: Sie schaukelten
nämlich mit Vorliebe in den Vorhängen! Also pflücke ich sie unermüdlich wieder heraus, binde
die Vorhänge zur Seite und hoffe, diese Phase möge schnell vorübergehen.

Schier unglaublich ist, wieviel so kleine Monster fressen können: Bis zu 4 x täglich 3 Dosen
 zu je 400 gr = 4.800 gr – das sind fast 5 kg! Allerdings incl. meiner 3 Großen. Und man be-
denke: Was vorne rein geht, kommt auch hinten wieder raus. Folge: 2 x tägliches Reinigen
der vier bis zeitweise sogar 7 Katzentoiletten und anschließendes Staubsaugen. Weiterhin
auf- und einräumen der Katzenspielzeuge, bzw. der Gegenstände, die dazu auserkoren
wurden. Kurzum ca. 1 bis ½ Stunden täglich verbringen mein Mann und ich mit Säuberungs- 
und Aufräumaktionen.

Das sind dann die Momente, in denen man hofft, daß die Kleinen bald „ausziehen“. Doch 
schon bei dem Gedanken stehen dann die Tränen in den Augen...

Je schöner, größer und eleganter sie werden, desto näher rückt nun der unausweichliche
Zeitpunkt des Abschieds. Dabei hat man doch jetzt gerade erst einen richtigen Draht zu den
Kleinen gefunden! Zum Beispiel zu Casimir, dem kleinen Bub mit der schönsten Farbe und 
dem weichsten Fell: Er ist immer bei mir, vor allem in der Küche – könnte ja was Leckeres
für ihn abfallen! Er spricht viel mit mir und macht bereits die ersten Schultersprungversuche.

Oder Dusty, unser kleiner Spätzünder, für den die Mama nach gut 8 Stunden dann doch noch
 eine Wehenspritze brauchte, weil er so gar nicht auf die Welt wollte: Auch heute ist er eigent-
lich immer der letzte, weil er einfach die Ruhe weg hat, also muss ich stets darauf achten, 
dass auch er nicht zu kurz kommt.

Und unser einziges Mädi, Donna-Djumana. Vielleicht weil sie bei sieben Aby-Babys das einzige
 Mädchen ist, aber sicher nicht nur deshalb: Sie ist einfach wunderschön in ihrer Zartheit mit 
ihren großen Ohren und ihren großen mandelförmigen Augen.

Diese Aufzählung könnte ich jetzt immer weiter führen und ohne Ende ergänzen. Ich weiss
über jeden sooo viel zu erzählen. 

Irgendwann war es soweit: Carlo zog nach Bremen in seine neue Familie. Er ist ein Schmuse-
kater und liebt es, seinen schlanken Körper ganz dicht an „seinen“ Menschen zu pressen und
seinen Bauch lautschnurrend in die Menschenhand zu legen. Carlo wird dort mit Cousin
„Injabara von Sesostris“ zusammenleben und es sicher guthaben. Also habe ich am letzten
Abend noch einmal ganz ausgiebig mit ihm geschmust – das letzte Mal für immer. Und dann
fällt mir der Abschied vermutlich noch ein bisschen schwerer... 

Irgendwann haben alle Katzenkinder das Haus verlassen. Ein großer Kloß sitzt in meinem Hals
und ich vermisse meine kleinen Wirbelwinde.

Aber ich glaube, sie haben es alle gut angetroffen. Carolus habe ich bereits nach 4 Wochen in
seinem neuen Zuhause besucht; er lebt mit seinen Menschen und einem jungen Dackel zusam-
men. Menschen, Kater und Hund mögen sich ganz offensichtlich sehr.

Und auch von den anderen Abimarinern habe ich nur Positives gehört. Die Stimmen der Men-
schen am anderen Ende des Telefons leuchten quasi Glück und Freude zu uns nach Rösrath.
Und doch ist ihr Glück auch  mein Verlust... 

Eines weiß ich genau: Irgendwann kann ich das Abschiednehmen nicht mehr ertragen und
dann wird es wohl keine Katzenkinder von Abimarin mehr geben.

                                 
                
   Copyright © by Janine Soendgen (www.abimarin.de)  

                                                                                                    

                                

                                

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